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Ria Formosa – das (noch) unbekannte Paradies an der Algarve

Die Ria Formosa gilt noch immer als kleiner Geheimtipp Portugals

Sandstrände, Lagunen, kleine Inseln und dazwischen ein Labyrinth aus Wasserarmen: Die Ria Formosa prägt den Südosten der Algarve. Eine dieser Inseln ist Culatra, weitgehend autofrei und bis heute eng mit Fischerei und Meer verbunden. Hier ist Sílvia Padinha aufgewachsen. Seit vielen Jahren setzt sie sich für die Insel und ihre Bewohner ein, unter anderem als Ortsvorsteherin.

Wie eng können Umweltschutz und soziale Fragen miteinander verbunden sein und zudem nachhaltiger Tourismus eine Rolle spielen? Auf der portugiesischen Atlantikinsel Culatra drohte eine jahrhundertealte Gemeinschaft im Strudel der Finanzkrise zu versinken. Heute zeigt die Insel in der Ria Formosa, wie traditionelle Lebensweise, nachhaltige Ökonomie und Naturschutz Hand in Hand gehen können.

Die Ria Formosa an der südportugiesischen Algarve ist eine Landschaft im ständigen Wandel. Gezeiten formen das Labyrinth aus Sandbänken, Kanälen und Wattflächen täglich neu. Seit 1987 steht das ökologisch wertvolle Ökosystem teilweise als Naturpark unter Schutz. Doch die wahren Hüter dieser Region leben auf den Inseln mitten im Gewässer – so wie auf der Ilha da Culatra. Seit mehr als 100 Jahren leben die hier ansässigen Familien unter anderem vom Fischfang und der Muschelzucht. Das Meer ist nicht nur ihre Kulisse, sondern seit Generationen ihre Lebensgrundlage.

Dass diese Lebensweise überhaupt noch existiert, ist Menschen wie Sílvia Padinha zu verdanken. Padinha ist auf Culatra aufgewachsen und wird auch gerne als Umweltaktivistin tituliert. Als junge Frau verließ sie die Insel zunächst, doch als die Not der Fischerfamilien immer größer wurde, kehrte sie zurück. Sie wurde zur zentralen Stimme einer Inselgemeinschaft, die um nicht weniger als ihr Überleben kämpfen musste.
Besonders dramatisch spitzte sich die Lage im ersten und zweiten Jahrzehnt der 2000-er Jahre zu. Während Portugal von einer schweren Wirtschaftskrise erschüttert wurde, gerieten auch die Fischer von Culatra unter enormen Druck. Französische Austernzüchter witterten ihre Chance: Sie versuchten, die Notlage der Einheimischen auszunutzen, um deren Nutzungsrechte für die Austernflächen zu übernehmen. Teils gebotene Rekordsummen lockten die finanziell geschwächten Fischer. Doch der Verkauf der Lizenzen hätte das schleichende Ende der Inselgemeinschaft bedeutet.

Statt zu kapitulieren, wählten die Fischer den Schulterschluss. Zusammen mit Sílvia Padinha und dem örtlichen Einwohnerverein AMIC nahmen sie ihr Schicksal selbst in die Hand. Sie organisierten Fördermittel, nahmen Kredite auf und eigneten sich in Fortbildungen das nötige Know-how für die professionelle Austernzucht an. Statt ihre Gewässer an ausländische Großkonzerne abzutreten, wurden die Fischer selbst zu Unternehmern und nicht ihrer Existenzgrundlage beraubt.

Der Mut zahlreicher Familien zahlte sich aus: Die portugiesische Auster aus dem Parque Natural da Ria Formosa entwickelte sich rasch zu einem begehrten Gourmetprodukt auf internationalen Speisekarten. Doch der Erfolg brachte ein neues Paradoxon mit sich. Zwar stieg die Nachfrage rasant, doch den Fischern fehlte am Anfang das notwendige Kapital, um die Produktion schnell genug auszubauen.

Zudem offenbarte sich ein wirtschaftliches Dilemma im Watt: Die Aufzucht von Austern erwies sich als deutlich lukrativer und körperlich weniger zehrend als die klassische Muschelzucht. Die Gefahr lag auf der Hand – würde die gesamte Insel auf den Boom setzen, drohte eine Monokultur, die das empfindliche ökologische Gleichgewicht der Lagune gefährden könnte. Padinha mahnt deshalb bis heute zur Umsicht. „Nur durch eine vielfältige und schonende Nutzung der natürlichen Ressourcen lässt sich das Ökosystem langfristig bewahren“, sagt sie.
Der wirtschaftliche Druck war jedoch nicht die einzige Bedrohung. Über Jahrzehnte hinweg schwebte über vielen Siedlungen der Insel das Damoklesschwert der Räumung. Zahlreiche Wohnhäuser besaßen keinen offiziellen Status. Mit Verweis auf Umwelt- und Küstenschutzbestimmungen plante die portugiesische Regierung zeitweise den Abriss etlicher Gebäude – eine existenzielle Bedrohung für die Inselbewohner.

Auch an dieser Front kämpfte Sílvia Padinha unermüdlich für die Legalisierung der Siedlungen und die Anerkennung der Grundrechte der Inseleinwohner. Denn Umweltschutz, so die Haltung der Aktivistin, funktioniert nicht gegen die Menschen, die seit Generationen in und mit der Natur leben. Und so existiert heute besielsweise auch eine der weltweit größten Seepferdchen-Populationen zwischen Küsten und Sandbänken.

Die Geschichte von Culatra ist die Geschichte einer selbstbewussten Gemeinschaft, die sich nicht verdrängen ließ. Der Insel ist das Kunststück gelungen, wirtschaftlichen Erfolg, jahrhundertealte Traditionen und strengen Naturschutz miteinander zu vereinen. Die Austernzucht ist hier weit mehr als nur ein lukratives Geschäft – sie ist das Fundament dafür, dass die Familien auf ihrer Insel bleiben und weiterhin stolz vom Meer leben können. Zudem spielt der Tourismus heute eine wichtige Rolle.

Tagtäglich besuchen Touristen aus der ganzen Welt das Naturparadies, genießen die Abgeschiedenheit im Gegensatz zu den Besucherströmen in Albufeira, Faro und Lagos. Hier dominieren kleine Restaurants, die Fisch servieren, der frischer nicht sein kann. Und die nächste Generation der 400 auf der Insel lebenden Familien steht bereits in den Startlöchern. Diogo Santos ist einer von ihnen. Er will das Naturparadies erhalten, den Menschen aber eine Zukunft sichern.

Der Tourismus ist deshalb ein wichtiger Zukunftsbaustein. „Wir versuchen hier im Namen des Natur- und Küstenschutzes, den Gästen etwas von unserem Paradies zu zeigen. Aber selbstverständlich überschreiten wir dabei keine Grenze“, sagt der 24-Jährige, der beispielsweise kleine Bootstouren anbietet und dabei unter anderem auch einer der weltweit größten Seepferdchen-Populationen ansteuert. Dieser Lebensraum soll auch erhalten bleiben. So ist kurz vor dem Areal Schluss: „Hier können wir nur auf das Gebiet schauen – befahren ist strengstens verboten.“ Das Thema Energiegewinnung steht ebenfalls weit oben auf der Agenda, ebenso die nachhaltige Nutzung der gebrauchten Austernschalen und des gesammelten Plastikmülls, aus denen neue Produkte produziert werden.

Text/Bilder: Randolf Leyk

Info: Von zahlreichen deutschen Flughäfen gibt es regemäßige Verbindungen nach Faro. Von dort ist es mit dem Auto lediglich ein kurzer Trip zur Ria Formosa (20 Minuten).  Wer sein Auto am Flughafen stehenlässt, findet günstige Parkmöglichkeiten über www.holidayextras.de – dort werden verschiedene Anbieter verglichen.

Wer zentral und verkehrstechnisch günstig eine Unterkunft sucht, der ist in Olhão im Alfarrobeiras Nature Agro Turismo gut aufgehoben. Zudem gibt es aber zahlreiche weitere Rural-Angebote, Apartments oder Hotels in der Umgebung.

Weitere Info: https://visitalgarve.pt/de/